© Mara Fischer for DOC. Magazin, 2017 Doc. Magazin — AUTHENTIZITÄT N°13, Mara Fischer (2016) Daniel Angermann ist Grafikdesigner in Köln und teilte schon früh die Ansichten von Joseph Beuys. Bevor er sich seinem Studium an der eco.design in Köln zuwandte, verbrachte er seine Jugend auf dem Eis. Nach 15 Jahren Eiskunstlauf befreite er sich schließlich selbst. MF Was verbindest du mit dem Wort Authentizität? DA Herkunft, Natur, Umwelt und Gesellschaft. Wir nehmen vieles einfach hin, statt es zu überprüfen. Es ist wichtig, sich ausgiebig mit dem, was uns umgibt, zu beschäftigen. Dabei seine Persönlichkeit oder Werte mit Rücksicht auf eigene Bedürfnisse und die der Umgebung in Einklang zu bringen. Ohne Bewertung entstehen keine Werte. Wichtig ist selbstbestimmtes Handeln. MF Würdest du von dir behaupten, authentisch zu leben und zu arbeiten? DA So gut es geht. Das System bringt ja auch seine Tücken mit sich. Ich versuche schon ein paar Dinge zu vermeiden in Bezug auf meine Werte. Ich arbeite primär nicht fürs Geld, sondern um mit Menschen gute Beziehungen zu führen; einen gemeinsamen Werteaustausch halte ich für sehr wichtig. Ich arbeite mit Menschen zusammen, deren Werte auch mit meinen übereinstimmen. Mir fällt da immer Backwerk ein, die ja für die Masse produzieren und vielleicht nur ökonomische Ziele verfolgen. Ich würde eher mit einem Bäcker zusammenarbeiten, der den Anspruch hat, Menschen gut zu ernähren, und nicht nur das Ziel verfolgt, damit Geld zu machen. MF Wenn ich an Authentizität denke, fällt mir sofort das Wort „Emotionalität“ ein. Kannst du das nachvollziehen? DA Werte sind auf jeden Fall mit einem starken Gefühl verbunden. Wenn ich ganz weit vorne ansetze, würde ich sogar sagen, es geht bis in die Evolution zurück. Ich versuche mich immer rückzubesinnen: Wo kommen wir her, was haben wir alles, wie gut geht es uns, was ist das eigentlich für ein Paradies? Man geht nach innen und überprüft seine Werte, bleibt aber mit diesen auch außen im Dialog. Wenn ich zum Beispiel im Wald spazieren gehe, empfinde ich das als sehr angenehm. Wobei das ja in den meisten Fällen schon eine Kulturlandschaft ist, weil es eigentlich gar keine Natur mehr gibt. MF Alleinsein ist also wichtig, um sich wieder auf die eigenen Werte zu besinnen? »Wer sich nicht zum Affen machen kann, der gehört nicht den Affen an.« Daniel Angermann DA Man muss sich schon mit sich beschäftigen. Alle anderen sind ja schon besetzt. (lacht) Durch sich selbst. Alleine zu sein ist wichtig, aber es darf auch nicht kippen. Die Mischung macht’s. Man muss ja auch Reibung zulassen. Gerade andere Perspektiven sind dazu da, um das eigene Selbst nochmal kritisch zu hinterfragen. Alles ist ein Prozess. Du kannst dich fünf Jahre in deinem Büro wohlfühlen und hinter dem stehen, was du machst, und dann kommt einer daher und sagt einen Satz, und dann musst du nochmal überprüfen, ob das deine Werte sind und ob sie das überhaupt je wirklich waren. Mittlerweile weiß ich, dass sie es waren – das ist nach wie vor das Richtige. Leute, die gar nicht alleine sein können, sind vielleicht nicht bei sich selbst, haben vielleicht Angst vor der Auseinandersetzung mit sich selbst, vor der Ungewissheit. Man muss in sich reinhorchen, auch wenn einem das, was man da findet, nicht gefällt. So entsteht auch Glück. Man muss innerhalb seiner Tätigkeit frei sein. Es geht nicht nur um Dienstleistung. MF Freiheit oder Freizeit? Was würdest du präferieren? DA Freiheit natürlich! Ja genau, weil Freizeit ist ja eine Erfindung der Industrie. MF Also braucht man keinen Urlaub, wenn man vollkommen frei in seiner Arbeit ist? DA Selbst wenn man für eine Sache brennt, kann man auch ausbrennen. Man muss seine Flamme schützen, dafür braucht man natürlich viel Freiraum. Wenn man angestellt ist, ist es viel schwieriger, frei zu sein und sich mit den eigenen Werten durchzusetzen. In der Selbstständigkeit funktioniert das besser. MF Du hast da dieses Projekt mit Plastikabfall aus dem Rhein? DA Letzten Sonntag habe ich an einer Müll-Aufräum-Aktion am Rhein teilgenommen, wir haben 30 Säcke Müll gesammelt. Aber ja, schon seit 2012 sind Meer, Wasser, Kunststoff und Produktion ein Thema für mich. Ich fische aus dem Rhein Plastikabfall und setze ihn zum Beispiel in Rahmen, somit in einen neuen Kontext. Ich mache zwischendurch immer wieder etwas. Es ist spannend, was man findet und welche Formen die Dinge über die Zeit angenommen haben. MF Also machst du aus Plastikmüll Kunst? DA (lacht) Das ist ja immer die Schwelle zwischen Design und Kunst. Damit habe ich mich schon zu meiner Studienzeit viel auseinandergesetzt. Ich versuche, die beiden Begriffe aufzuheben. Primär geht es um Verantwortung und Gestaltung. Wenn man mit sich und dem, was man macht, im Einklang steht, und hinter dem steht, was man tut, dann ist es auch für die Gesellschaft gut. Auch wenn man aus Überzeugung und Leidenschaft Brötchen backt. Für mich ist jeder Mensch Künstler – also Gestalter, frei nach Beuys. MF Und wie bist du zum Design gekommen? DA Ich war 15 Jahre lang Eiskunstläufer. Danach kam Graffiti, ich experimentierte typografisch, um meine Emotionen auszudrücken. Nicht der Sache wegen, sondern als Medium für mich. Danach hatte ich immer einen starken Drang, Dinge zu reflektieren oder zu transformieren und an die Öffentlichkeit zu bringen. Der Prozess hat sich seitdem nicht verändert: Ich sehe etwas, was ich scheiße finde oder in Frage stelle, gehe durch einen kleinen Prozess damit und mache anschließend etwas Neues daraus, das ich dann im klassischen Kontext der Siegerkunst präsentiere. MF Also lautet dein Schwerpunkt Neuinterpretationen? DA Ja, aber niemals mit einem Ausrufezeichen. Ich bin nie fertig mit meinen Werken. Es sind immer Zwischenstadien, weil ich den Dialog zwischen Menschen fördern will. Spannungsfeld zwischen Kunst und Design: Wann ist es Kommunikation, wann hört sie auf, wann ist ein Kunstwerk offen oder abgeschlossen? Ich mag es, die Dinge mit einem Fragezeichen in den Raum zu stellen, damit sich der Betrachter fragt. MF Kennst du das Problem beim Gestalten, wenn der Kopf dicht macht? DA Stichwort: Fokus. Ich mache viel – Auftragsarbeiten, freie Projekte, Musik. Ich kann mich nicht nur auf eine Sache beschränken, aber es ist immer dieselbe Flamme. Es ist okay, Themen innerhalb verschiedener Medien zu zeigen. Manchmal wünsche ich mir, mich stärker auf eine Sache zu fokussieren, um stärker wahrgenommen zu werden. Am Ende ist es auch eine Frage der Akzeptanz. MF Bist du sehr kritisch mit dir selbst? DA Ja. Ich überprüfe oft meine Arbeiten. Früher habe ich viele Arbeiten ausgedruckt und aufgehängt – 450 Stück, auch viel Schrott. Danach war ich ruhiger. Spannend zu sehen, dass sie thematisch zusammenhängen. MF Schmeißt du viel weg? DA Ja, manches habe ich verkauft, vieles an Freunde gegeben. Aber es fällt schwer, Originale wegzugeben. Eine Reproduktion ist einfacher. Es ist ein Teil von sich selbst, den man weggibt. Eigentlich produziere ich ja für das Wir. Letztlich habe ich in den letzten Jahren vieles gehen lassen, was sich gut anfühlt. Es jemandem zu geben, der es weiterträgt. MF Joseph Beuys scheint eine wichtige Figur für dich zu sein. Inwiefern hat er dich geprägt? DA Vor allem in der Idee, innerhalb der eigenen Tätigkeit frei zu sein und dass jeder Mensch ein Künstler ist. Kunst ist nicht an Material gebunden, sondern an das Feuer, das jeder besitzt. MF Reden wir jetzt von Leidenschaft? DA Ja, aber nicht nur Leidenschaft. Auch ein Gespür für Formen und Materialien – was ist warm, was ist kalt. Ich habe früh Beuys entdeckt: Ich habe das blinde Konsumieren in Frage gestellt – nicht nur Lebensmittel, auch generell. MF Was würdest du Joseph Beuys fragen, wenn du ihn treffen würdest? DA Ich würde ihm auf die Schulter klopfen und sagen: „Sehe ich auch so!“ MF Hättest du in deiner beruflichen Laufbahn etwas anders gemacht? DA Nein, bis hier her alles genauso. Jede Erfahrung, gut oder schlecht, ist wichtig für die Entwicklung. Nach dem Eiskunstlaufen rebellierte ich, holte mir meine Jugend brachial zurück. Diese Erfahrungen haben mich stark gemacht und prägen mein Wirken im sozialen Kontext. »Jeder Mensch ist ein Collage.« Daniel Angermann